Arbeit im Atrium nach der Montessori-Pädagogik
Da brachte man Kinder zu Jesus, damit er ihnen die Hände auflegte. Die Jünger aber wiesen die Leute schroff ab. Als Jesus das sah, wurde er unwillig und sagte zu ihnen: Lasst die Kinder zu mir kommen; hindert sie nicht daran! Denn Menschen wie ihnen gehört das Reich Gottes.
Mk 10, 13-14
Die vorbereitete Umgebung
Das Atrium ist eine sorgfältig vorbereitete Umgebung für das Kind – so gestaltet, dass alle Dinge das Kind ansprechen und ihm von Gott und seiner Liebe erzählen. Das Atrium ist ein Raum, der weder Klassenzimmer noch Gottesdienstraum ist und in dem das Kind in seinem eigenen Rhythmus und auf seine ihm eigene Weise Schritte im Glauben machen kann. An diesem Ort kann die Arbeit des Kindes zum Gebet werden. Hier wird das Wort Gottes gemeinsam gehört und auch gefeiert.

Da das kleine Kind ein Bedürfnis nach Ordnung und Orientierung in seiner Umwelt hat, wird das Atrium mit großer Sorgfalt vorbereitet und gepflegt: Es gibt dort eine verlässliche Ordnung, alles ist sauber, in gutem Zustand und übersichtlich angeordnet. Die Materialien im Atrium ermöglichen dem Kind, die Inhalte zu begreifen. Alles, was für eine Übung nötig ist, ist zusammen an einem Platz. Die Materialien sind schön, jedoch einfach gehalten und auf das Wesentliche beschränkt, damit die Kinder sich von ihnen angesprochen fühlen.

Die Atmosphäre, Schönheit und Ordnung der vorbereiteten Umgebung geben dem Kind Halt, es fühlt sich sicher, kann sich orientieren und gewinnt dadurch an Selbstvertrauen. Diese Orientierung und vor allem die zunehmende Fähigkeit konzentriert zu arbeiten führt zu einer natürlichen sozialen Erziehung und Kooperation einerseits, andererseits zu größerer Unabhängigkeit und Selbständigkeit.
Im Atrium kann das Kind selbständig Entdeckungen machen und Gott auf seine Weise begegnen. Vielleicht drückt es etwas von seinen Erfahrungen aus oder auch nicht – beides wird respektiert. An einem besonderen Ort kann das Kind in der Stille und im Gebet in der Gegenwart Gottes verweilen.
Der Erwachsene im Atrium
Die wichtigste Aufgabe des Erwachsenen ist es, dem Kind das Wort Gottes zu verkünden. Der Erwachsene ist jedoch auch Hörender. Er hört gemeinsam mit den Kindern das Wort Gottes.
Bei den Treffen ist der Erwachsene das lebendige verbindende Glied zwischen dem Kind und der Umgebung. Dafür stellt der Erwachsene die Materialien her und bereitet die Umgebung, das Atrium vor.
Im Atrium gibt der Erwachsene wenige, aber klare Regeln vor. Dadurch wird die freie Tätigkeit des Kindes ermöglicht. Gleichzeitig werden die unterschiedlichen Bedürfnisse der Kinder in der Gruppe berücksichtigt. Der Erwachsene begegnet dem Kind mit Achtung und Liebe; mit geordneten Bewegungen und leiser Stimme trägt er/sie zu einer ruhigen Atmosphäre bei.
Die Katechetin, der Katechet und ihre Mitarbeiter
- zeigen den Kindern, wie sie mit den Materialien umgehen können,
- wie sie für die Umgebung sorgen,
- helfen den Kindern Achtung vor einander, dem Material und der Umgebung zu haben,
- vermitteln den Kindern, dass es ihre Umgebung ist,
- bemühen sich, das Atrium so ordentlich und schön wie möglich zu halten,
- pflegen einen respektvollen und liebevollen Umgang mit den Kindern,
- berücksichtigen die besonderen Bedürfnisse und Fähigkeiten der jeweiligen Alterstufe.
Der Erwachsene beobachtet die Kinder und ermutigt sie dazu ihre Tätigkeit zu wählen, diese durchzuführen und das Material wieder an seinen Platz zu räumen, wenn die Arbeit beendet ist. So lernt das Kind selbst eine Wahl zu treffen und seine Tätigkeit verantwortungsbewusst auszuüben. Der Erwachsene unterbricht nur dann oder greift ein, wenn dies wegen der Sicherheit, für den Frieden in der Gruppe oder zur Verdeutlichung der Grenzen erforderlich ist.
Freiheit und Disziplin
Das Atrium ermöglicht viel Freiheit innerhalb klarer Grenzen. So können Kinder in einer großen Gruppe miteinander kooperativ und friedlich umgehen. Das Atrium erlaubt dem Kind:
- eine Tätigkeit zu wählen, die dem eigenen Interesse entspricht,
- mit den gewählten Materialien zu arbeiten, so lange es möchte,
- mit anderen Kindern, dem Katecheten oder der Katechetin zu sprechen oder zu arbeiten oder zu verweilen,
- in seiner eigenen Geschwindigkeit und seinem Rhythmus zu arbeiten,
- sich im Atrium frei zu bewegen,
- eigene Gedanken frei zu äußern und die Erfahrung zu machen, gehört zu werden.

Im Atrium wird von den Kindern erwartet:
- dass sie einander und dem Erwachsenen mit Respekt und Achtung begegnen,
- dass sie achtsam und sorgsam mit den Materialien umgehen,
- dass sie dazu beitragen, die Umgebung ordentlich und schön zu erhalten,
- dass sie, falls ein Material von einem anderen Kind benutzt wird, warten können, bis es wieder frei ist.
Wir begleiten oder unterstützen die Kinder
- in der Wahl der Tätigkeit oder des Materials,
- dabei, die richtigen Worte zu finden, wenn sie etwas ausdrücken wollen,
- bei ihrer Arbeit durch Erklärung oder Hilfe – nur wenn unbedingt erforderlich,
- bei der Vermeidung von unachtsamen Umgang oder nicht angemessenem Gebrauch von Materialien.

Unser Ziel ist, ein Gleichgewicht zwischen Freiheit und Disziplin zu ermöglichen. Kinder, die neu in das Atrium kommen, benötigen zunächst Hilfe und Begleitung, bis sie von einer inneren spontanen Disziplin geleitet selbst in Freiheit angemessen handeln können.
Im Atrium bemühen wir uns, die Konzentration des Kindes zu fördern und zu schützen. Wir unterbrechen das Kind nicht, wenn es konzentriert arbeitet.
- Nicht jeder Fehler muss korrigiert werden.
- Das Kind kann seine eigenen Schwierigkeiten oft selbst meistern. Deshalb ist Hilfe nicht immer nötig.
- Auch bei sozialen Konflikte brauchen wir nur dann Unterstützung zu geben, wenn das Kind uns dazu benötigt.
Der Umgang miteinander
Im Atrium werden die Umgangsformen in kurzen einprägsamen Präsentationen eingeübt, beispielsweise
- der Umgang mit einem Buch - Halten, Umblättern,
- um Hilfe bitten,
- die Arbeit eines anderen Kindes beobachten,
- Störung von anderen vermeiden,
- sich begrüßen und sich verabschieden,
- sich bedanken.
Diese Präsentationen sind einfach und kurz. Wir zeigen dem Kind, wie es etwas tun kann. Dies sind Grundlagen für den Umgang miteinander.
Diese Präsentationen fördern
- Selbstvertrauen,
- Selbstachtung,
- Achtung vor den anderen,
- ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das einnatürliches Miteinander fördert.
Übungen des täglichen Lebens
Die Übungen des täglichen Lebens sind einfache und sehr konkrete Übungen. Sie sind Tätigkeiten, die mit konkreten alltäglichen Gegenständen ausgeführt werden. Durch diese Übungen lernt das Kind die Pflege der eigenen Person, die Pflege der Umgebung, Koordination und Kontrolle der Bewegung und soziale Umgangsformen. Durch die Übungen des täglichen Lebens entwickelt das Kind Konzentration, Selbstvertrauen, Unabhängigkeit, Koordination und Verfeinerung der Bewegung sowie die Fähigkeit, eine Tätigkeit, die aus mehreren Schritten besteht, anzufangen, durchzuführen und zu beenden.

Das Leben im Atrium, die Arbeitsweise mit dem Material und die Umgangsformen werden durch die Übungen des täglichen Lebens eingeübt.
Indem das Kind leicht und seinem Bedürfnis entsprechend lernt, Körper und Geist zu koordinieren, erfährt es die Freude am eigenen Tun. Wenn das Kind eine Tätigkeit mit mehreren aufeinanderfolgenden Schritten konzentriert bewältigt und wiederholt, führt dies allmählich zu einer inneren Stille im Kind. So sind diese Übungen eine wertvolle indirekte Vorbereitung für das Gebet, die Begegnung mit Gottes Wort und dessen Feier in der Liturgie.

Einige Übungen des täglichen Lebens im Atrium sind:
- Stuhl und Tisch tragen und abstellen,
- ein Tablett tragen,
- Türe leise auf- und zumachen,
- Blumen in eine Vase stellen, Metall putzen,
- Boden und Tisch kehren,
- Tisch waschen und polieren, Pflanzen pflegen,
- eine Kerze anzünden,
- eine brennende Kerze tragen, Hände waschen,
- Stilleübungen,
- Gehen auf der Linie,
- Malen,
- Kleben und weitere.
Beobachten und Stille
Für die Arbeit im Atrium ist es notwendig, dass der Erwachsene die Fähigkeit zum Beobachten entwickelt. Durch geduldiges und genaues Beobachten können wir:
- die Bedürfnisse der Kinder erkennen,
- auf die sensiblen Phasen im Leben des Kindes (beispielsweise Ordnung, Bewegung, Sprache) achten,
- sehen, welche Veränderungen in der Umgebung notwendig sind, um den Bedürfnissen der Kinder zu entsprechen,
- eine Situation einschätzen und entscheiden, ob Eingreifen notwendig ist oder nicht,
- lernen, jedem Kind mit Liebe und Achtung zu begegnen und es anzunehmen, wie es ist.
Der Erwachsene richtet immer wieder seine Aufmerksamkeit auf die Bedeutung der Stille und bemüht sich sie zu pflegen. Die Stille ermöglicht dem Erwachsenen und dem Kind auf Gott zu hören. Die Stille wird im Atrium nie als Maßnahme bei Unruhe eingesetzt, sondern kann in der Stilleübung als etwas Schönes eingeübt und erfahren werden. Beim Gehen auf der Linie erleben die Kinder die Freude der gemeinsamen Bewegung in der Gruppe.
Inhaltliche biblische und liturgische Präsentationen und die Tätigkeit des Kindes
Das Atrium ermöglicht dem Kind viele verschiedene Tätigkeiten, die
- das Kind ganzheitlich ansprechen,
- Bewegung zulassen und
- unabhängig von der Hilfe des Erwachsenen ausgeübt werden können.
In Präsentationen wird den Kindern ein neues Thema vorgestellt und welcheTätigkeit mit dem Material möglich ist. Jede Präsentation ist in klar aufeinanderfolgenden Schritten aufgebaut. Bei den Präsentationen wird sehr sparsam mit Worten umgegangen, damit das Kind die Handlung deutlicher sehen kann. Es wird zuerst die Handlung gezeigt, dann werden die Worte dazu gesprochen oder umgekehrt. Das Kind kann sich nur auf Sehen oder Hören konzentrieren, nicht auf beides gleichzeitig.

Durch die Präsentationen werden einzelne Aspekte isoliert dargeboten, damit sich das Kind ganz konkret mit dem jeweiligen Thema auseinandersetzen kann.
Einige Aspekte der christlichen Botschaft werden den Kindern in essentieller Weise mit Hilfe von Material präsentiert. Das Kind nimmt in der Freiarbeitszeit das Material in die Hand und meditiert dadurch Gleichnisse, Ereignisse aus dem Leben Jesu, ausgewählte Themen der Liturgie und andere. Es arbeitet mit konkreten Gegenständen, beispielsweise einem Senfkorn, einer Perle oder es knetet einen Sauerteig. Die Materialien sind auf das Wesentliche beschränkt, um die Schwierigkeit für das Kind zu isolieren und nur das darzustellen, was im Text der Bibel steht.
Die Präsentationen dienen dazu:
- dem Kind zu ermöglichen, etwas über Gott zu erfahren und sein Staunen, seine Freude auszudrücken,
- das Interesse des Kindes zu wecken, selbst mit dem Material zu arbeiten und dabei das Thema zu vertiefen,
- das Kind anzuregen die Übung zu wiederholen,
- sein Vertrauen und seine Sicherheit zu stärken,
- das Kind zu konzentrierter Arbeit und damit zu
- wachsender Geschicklichkeit zu führen.
Themen im Atrium

Die christliche Botschaft wird im Atrium feierlich verkündet. Bei den ausgewählten Themen konnte an vielen verschiedenen Orten in mehr als 50jähriger Erfahrung immer wieder dasselbe beobachtet werden: Die Kinder können diese Themen in ihrer Tiefe erfassen und ihre Antwort ist immer wieder eine stille Freude. Diese Bibelstellen und Gebete aus der Liturgie konzentrieren sich auf das Wesentliche und entsprechen den tiefen inneren Bedürfnissen der Kinder.
Das Leben im Atrium orientiert sich am Kirchenjahr. Die Themen werden der jeweiligen Zeit entsprechend vorgestellt. Das Fest der Geburt Jesu, das Fest von Tod und Auferstehung Jesu und das Kommen des Heiligen Geistes werden mit kleinen liturgischen Feiern gefeiert.
Themen aus der Arbeit im Atrium bei 3-6 jährigen Kindern sind beispielsweise:
- Die Gleichnisse vom Reich Gottes wecken Staunen.
- Prophezeiungen über die Geburt Jesu und Kindheitsevangelien lassen uns erahnen, wer dieses Kind sein könnte.
- Das Israel-Relief zeigt uns, dass Jesus in einem konkreten Land zu einer bestimmten Zeit lebte (Biblische Geographie).
- In den Präsentationen zur Messe und zur Taufe erspüren wir, wie nah uns Jesus ist.
- Beim gemeinsamen Abschlussgebet und bei kleinen liturgischen Feiern antworten wir auf das Wort Gottes.